September 22, 2022

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Der aus Brasilien stammende Schriftsteller gilt bis heute weltweit als Wegweiser für Millionen Leser.

Rio de Janeiro

Der aus Brasilien stammende Schriftsteller gilt bis heute weltweit als Wegweiser für Millionen Leser.

(dpa) – Der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho ist mindestens zweimal geboren worden. Einmal, als er auf die Welt kam, und einmal, als er zum Schriftsteller wurde. So stellt dies sein anerkannter Biograf Fernando Morais in dem Buch „Der Magier“ dar. Demnach ereignete sich die Geburt als Schriftsteller bereits am 23. Februar 1982 in der KZ-Gedenkstätte Dachau, wo Coelho eine flüchtige Begegnung hatte, aus der eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg entstand.

Das Tagebuch der Reise nach Santiago de Compostela aus dem Jahr 1987 entwickelte sich zu seinem ersten Erfolg als Autor. Seitdem hat das Schreiben den Brasilianer, der am 24. August seinen 75. Geburtstag feiert, weltbekannt gemacht. Seine Romane, allen voran „Der Alchimist“, „Veronika beschließt zu sterben“ und „Und die Liebe hört niemals auf“, wurden Bestseller. Nach Angaben seines Züricher Verlags „Diogenes“ wurden die Texte in 88 Sprachen übersetzt und mehr als 320 Millionen Mal verkauft.

Schreiben als „Weg zur Selbsterkenntnis“

Solche Zahlen erreichen oder übertreffen nur andere globale Autoren wie J.K. Rowling oder Dan Brown. Um Geld oder Ruhm ging es dem mit mehreren Dutzend internationalen Preisen ausgezeichneten Coelho beim Schreiben allerdings nicht. „Es ist ein Weg zur Selbsterkenntnis“, sagte er in einer Zeit, als er noch häufig Interviews gab. Und eine Möglichkeit, seine Gedanken zum Sinn des Lebens und anderen existenziellen Fragen der Menschheit mit unzähligen Lesern zu teilen.


Bildnummer: 55061501  Datum: 16.11.2010  Copyright: imago/Sabeth Stickforth
16.11.2010 Berlin Zehlendorf: Eberhard Hungebühler, alias Felix Huby, Autor und Drehbuchschreiber von zahlreichen Tatort Sendungen in seinem Büro Kultur People Shooting xo0x kbdig xub 2020 quer Highlight 

Bildnummer 55061501 Date 16 11 2010 Copyright Imago Sabeth Stickforth 16 11 2010 Berlin Zehlendorf Eberhard Hungebühler alias Felix Huby Author and Screenwriter from numerous Crime scene Broadcasts in his Office Culture Celebrities Shooting xo0x Kbdig  2020 horizontal Highlight  No Use Switzerland. No Use Germany. No Use Japan. No Use Austria

Er formte die „Tatort“-Kommissare Schimanski, Bienzle und Palu. Der gebürtige Schwabe Felix Huby prägte die deutsche TV-Kultur.


So lässt er auch seine Protagonisten wie den Hirten Santiago in dem Buch „Der Alchimist“ häufig einen Weg der Selbstfindung gehen. Santiago etwa zieht von Andalusien nach Ägypten, um einen Goldschatz zu suchen, der letztlich in seiner Heimat unter einer Kapelle vergraben liegt. Coelhos Anhänger, Persönlichkeiten von Popstar Madonna bis zu Literatur-Nobelpreisträger Kenzaburo Oe, verehren den Autor für solche Parabeln als eine Art „Guru“. 

Seine Worte mögen eine magische Wirkung haben. Aber Coelhos Sprache ist einfach und seine Botschaften sind leicht verständlich, sodass sich „Der Alchemist“ beispielsweise auch als erste Lektüre beim Portugiesisch lernen eignet.

Kritikern ist all dies zu einfach. Die Suche nach dem Sinn des Lebens hat Coelho jedoch selbst auf turbulente, extreme Art und Weise erfahren.

Als der Teenager gegen die Normen der Familie in Rio de Janeiro aufbegehrte – die Eltern wollten, dass der Sohn wie der Vater Ingenieur wird -, wertete Vater Pedro Coelho dies als Geisteskrankheit. Paulo wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, mit Elektroschocks „behandelt“. Diese Erfahrungen verarbeitete er als Schriftsteller später in „Veronika beschließt zu sterben“.

Der Schriftsteller Paulo Coelho wird durch Bücher wie „Der Alchimist“ zum Bestsellerautor.

Der Schriftsteller Paulo Coelho wird durch Bücher wie „Der Alchimist“ zum Bestsellerautor.

Foto: Arne Dedert/dpa

Zunächst arbeitete Coelho als Journalist, Theater- und Drehbuchautor, machte in der Hippie-Zeit Experimente mit Drogen und schwarzer Magie. Eine gewisse Bekanntheit erlangte er in Brasilien bereits als Schreiber der Texte für den Rock-Mythos Raul Seixas, mit dem der Sozialrebell auch die antikapitalistische Haltung teilte. Während der Militärdiktatur (1964-1985), gegen die er mit den Songtexten protestierte, wurde Coelho gefangen genommen und tagelang gefoltert.

In der KZ-Gedenkstätte Dachau, wo er seinen Dämonen aus der psychiatrischen Anstalt und der Folterhaft begegnete, kam es schließlich zum Wendepunkt in Coelhos Leben – und der ersten Geburt als Schriftsteller. Vielleicht hat das Schreiben Paulo Coelho gerettet. Auf jeden Fall hat es seiner Seele Gleichgewicht gegeben, so wie ihre Kunst vielen Malern oder Musikern hilft.

Versöhnung mit den Dämonen der Vergangenheit

In Rio de Janeiro war Coelho, der mit seiner Frau, der brasilianischen Malerin Christina Oiticica, in Genf lebt, offiziell seit Jahren nicht mehr. „Heute ist Brasilien eines der am meisten ausgegrenzten Länder der Welt“, sagte er, wie viele in der lateinamerikanischen Intellektuellenzunft linkslastig, in einem Interview der brasilianischen Zeitung „Folha de S. Paulo“ im vergangenen Jahr mit Blick auf den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro.


Norwegian intellectual and author Jostein Gaarder, Taormina, 21st June  2019. (Photo by Leonardo Cendamo/Getty Images)

Der Erfolg seines Buches „Sofies Welt“ über große Fragen der Menschheit hat sein Leben umgekrempelt – nun wird der Autor 70 Jahre alt.


Aber wenn man bei einem Spaziergang in Copacabana einem schwarz gekleideten, jovialen Mann mit Spitzbart begegnet, kann es sich dabei durchaus um Paulo Coelho handeln. Er mache diese Abstecher sozusagen inkognito, sagte Coelho der Zeitschrift „Veja“, um die Sehnsucht zu stillen. Er gehe am Strand spazieren, trinke Kokoswasser, besuche seine Lieblingsrestaurants und treffe sich mit einem kleinen, diskreten Freundeskreis.

Selbst wenn Leute ihn erkennen, würden sie nicht glauben, dass es wirklich der berühmte Autor ist. Über eine der Spekulationen, er komme aus Aberglauben nicht nach Rio, weil ihm bei der Ankunft etwas passiert, lachte Coelho. Die Dämonen der Vergangenheit, er scheint sich mit ihnen versöhnt zu haben.

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